Mosaik

100 Jahre Rosenthal?

Wussten Sie, dass eine Gemeinde Rosenthal schon vor beinahe 100 Jahren entstanden wäre? Damals verhandelten die Gemeinden Blankenstein, Harra und Kießling darüber, miteinander zu verschmelzen. Erhaltene Dokumente aus dem Jahr 1923 zeugen von einer Diskussion der drei Gemeinden, darüber wo die zukünftige Verwaltung Rosenthals sitzen könnte.

Insbesondere Harra und Blankenstein bewarben sich um den Sitz der Verwaltung. Für Harra sprach die höhere Einwohnerzahl und die größere Schule, die über eine Lehrerstelle mehr verfügte. Blankenstein konnte sein Wachstum als Industriestandort, das stark ausgebaute Post- und Verkehrswesen, eine Telegrafenstation, eine automatische Fernsprechanstalt und die Berufsschule als Standortvorteile geltend machen.

Den Namen Harra-Blankenstein empfanden wohl alle Seiten als zu lang und ungenügend. Zumal Kießling in diesem Namen völlig außen vor blieb. Zur Güte wurde Rosenthal-Reuss als neuer Name der Gemeinde vorgeschlagen. Hintergedanke war nicht nur der Wirtschaftsfaktor von Wiedes Papierfabrik Rosenthal, sondern auch, dass die Postagentur Rosenthal als Adresse längst im Deutschen Reich bekannt war. Denn die Post hatte sich in den Räumen der Fabrik eingemietet.

Zu der Idee einer Verschmelzung kamen die Gemeinden durch die Landesreform von 1920. Da das Fürstentum Reuß, bzw. zu dieser Zeit bereits der Volksstaat Reuß im neu gegründeten Land Thüringen aufging. Im Zuge dieser Veränderungen wurde darüber beraten den Bezirksverband Schleiz, zu dem die Gemeinden gehörten, zu zerschlagen. In diesem Falle wäre z. B. der Landesteil Lobenstein dem Bezirk Saalfeld hinzugefügt wurden. Jedoch erklärten alle Gemeinden des Bezirks Schleiz dort bleiben zu wollen und im gegenteiligen Falle sich dem Land Bayern anzuschließen.

Warum es nicht bereits in den 1920er Jahren zu einer Gründung von Rosenthal kam, muss aus den Akten noch erschlossen werden. Überraschend ist, dass sich noch ein offizielles Dokument der Gemeinde Blankenstein vom 13. November 1924 findet, bei dem man bereits begonnen hatte den Namen Blankenstein durch Rosenthal-Reuss zu ersetzen.

 

Hermann Otto Link

Wussten Sie, dass die Wiesen und Auen des heutigen Rosenthal am Rennsteig das Jagdrevier eines ganz besonderen Naturfreundes waren? Der am 12. Februar 1893 geborene Blankensteiner Hermann Otto Ernst Link begann bereits im zarten Alter von zwölf Jahren damit Schmetterlinge zu fangen. Seinen Eltern und Geschwistern war er berüchtigt seinen Fang mit nach Hause zu bringen. Dabei blieb es nicht bei Schmetterlingen. In einem besonderen Fall versteckte er ein Hummelnest in einem Karton unter seinem Bett. Als andere Lausbuben ihn dazu drangen es herzuzeigen, warf er es ihnen mit den Worten „Da habt ihr es!“, aus seinem Fenster vor ihre Füße.

Schon mit 13 begann er seine Funde und Fänge zu dokumentieren. Die Entomologie, also das Erforschen von Insekten, wurde für ihn zur Leidenschaft, welche ihn bis ans Ende seines Lebens begleiten sollte.

Nach Abschluss der Volksschule in Harra absolvierte Hermann Link eine Ausbildung zum Industriekaufmann in Wiedes Papierfarbik Rosenthal. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in Frankreich. Dort erlitt er eine Schussverletzung der linken Schulter und einen Hörschaden durch den lauten Geschützdonner. Aus dem Krieg zurückgekehrt zog er nach Blankenstein und heiratete 1919 Martha Friedel aus Lichtenbrunn. Ihre gemeinsame Tochter Ilse (geb. 1920) heiratete Werner Thomas. Der Schwiegersohn kehrte aus den Kämpfen um Berlin 1945 nicht heim. Nur zwei Jahre später verstarb Ilse. Die Kinder Heide und Gunther wuchsen bei den Großeltern auf.

Sein Hauptsammelgebiet fand Hermann Link praktisch vor der eigenen Haustür, im Höllental und dem Moschwitzgrund. Beide Täler lagen nur wenige Hundert Meter von seinem Haus entfernt. Den Zugang zu diesen Orten verlor er, nachdem sowjetische Truppen die Amerikaner im Juli 1945 ablösten und die Grenze undurchlässig wurde. Seine Touren im Sperrgebiet, in der Umgebung von Schlegel bzw. Lichtenbrunn, brachten Hermann Link öfter in Erklärungsnot. Die für den Lichtfang mitgeführte Benzinhochdrucklampe ließ bei den mit Maschinenpistolen bewaffneten Grenzsoldaten den Verdacht aufkommen, Herr Link wolle geheime Signale geben. So musste er sein Revier in der Region vom Saaletal abwärts verlegen. Das neue Sammelrevier bei Burgk, verlangte ihm einen 30 km Fußmarsch ab. Dennoch wuchs seine Sammlung selbst in dieser Zeit bedächtig an, 3200 Falter bis zu diesem Zeitpunkt.

Zum Erfahrungsaustausch pflegte Link Kontakt zu anderen Entomologen. Einer von ihnen war Anton Bergmann (1882-1960), dessen Werk über die Thüringer Fauna er zuarbeitete. Beide halfen einander noch in anderen Belangen aus. Während Link den Brieffreund mit Landschaftsfotos versorgte, übersandte dieser Utensilien, die er über seinen im Westen lebenden Sohn bezog. Darunter befanden sich nicht nur Nadeln, sondern sogar Zyankali für die Fanggläser, welches Link mit der Post zuging. Für Bergmanns Buch „Die Großschmetterlinge Mitteldeutschlands“ dokumentierte Link 560 Falterarten.

Bis zu seinem Ausscheiden als Invalidenrentner im Jahr 1948 war Hermann Link in der Papierfabrik Rosenthal in Blankenstein tätig. Sein Hörschaden hatte sich zur nachhaltigen Beeinträchtigung entwickelt. Seither besuchte er auch keine entomologischen Tagungen mehr. Auch die Entstehung und Entwicklung des deutsch-deutschen Grenzgebiets in der Region schränkte seine Sammlertätigkeit ein. Unterstützung fand Hermann Link bei seinen Ausflügen speziell durch seinen Enkel Gunther.

Noch kurz vor seinem Tod 1969 bereitete er sich auf ein weiteres Sammeljahr vor. Seine 6500 Falter umfassende Schmetterlingssammlung erwarb 1972 das Phyletische Museum in Jena. Zwei weitere Schmetterlingskästen verwahrtsein Enkel Gunther Thomas in Blankenstein.

 

Von Bettelleit und Sockendorfern 

Wissen Sie, wo die Bettelleit wohnen, welcher Ortsteil Rosenthals auch als Sockendorf bekannt ist oder was es mit Leich‘nsteenmausern auf sich hat? Falls die Antwort auf diese Fragen „Nein“ lautet, sind Ihnen die Spitz- und Necknamen der Rosenthaler Ortsteile unbekannt. Diese Namen gaben sich die Orte natürlich nicht selbst, sondern bekamen sie von ihren Nachbarn aufgedrückt. Hinter so manchem der vermeintlich derben Ausdrücke versteckt sich eine augenzwinkernde Geschichte und sie alle verweisen auf den seit Jahrhunderten währenden regen Austausch der Ortsteile und ihre lebendigen Beziehungen untereinander.

An dieser Stelle sein also manche der Spitznamen genannt und erklärt. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird ausdrücklich nicht erhoben.

Birkenhügel: Betteleit

„Wenn nu de Lerch und de Berk un de Pfitz net wär, wu kämen denn do de Bettelleit här.“ lautet ein mündlich überlieferter Ausspruch, der sich auf die drei Ansiedlungen Pirk, Pfitz und Lerchenhügel bezieht, welche später die Gemeinde bzw. den heutigen Ortsteil Birkenhügel bildeten. Aufgrund fehlender landwirtschaftlicher Flächen attestierten die Nachbarn dieser drei Orte ihren Bewohnern eine gewisse Armut. Wie verpflegte man sich schließlich ohne das nötige Ackerland?

Viele Bewohner des späteren Birkenhügels fanden Anstellungen als Handwerker oder Hilfsarbeiter in den Nachbarorten. Während es heute völlig normal ist, den Arbeitsplatz nicht direkt vor der Haustür zu finden, sorgte es seiner Zeit wohl für Kopfkratzen bei den Nachbarn. Mussten diese Leute andernorts um Arbeit betteln oder waren sie sogar kriminell? Denn Pirk, Pfitz und Lerchenhügel kannte der Volksmund auch als die drei Raubstaaten. Der Sage nach soll in Pirk und Pfitz zu Zeiten des Rittergutsbesitzers Wackernagel niemand aufgenommen worden sein, der nicht einem fahrenden Fuhrwerk ein Rad stehlen konnte. Indessen attestierte der Gelehrte Georg Brückner um 1870 den Bewohnern der Orte einen sittlichen Lebenswandel, der im Vergleich zu früher weniger wild war. Ähnliche Worte fand er auch für Pottiga.

 

Blankenberg: Saihans’n, Sockendorf, Raunzer

Der Überlieferung nach geht der Spitzname Saihans auf das blankenberger Burgleben zurück. So fand sich im Dienst der Gutsherren ein Hans, dem das Hüten der Schweine oblag. Auf diesen Hans sollen noch weitere Hirten desselben Namens gefolgt sein, dass es bald Gewohnheit war, den Schweinehirten Hans zu rufen. Hieß der Hirte anders, so wurde er dennoch Hans genannt und war fortan auf diesen Spitznamen getauft. Was die Bewohner Blankenbergs mit ihrem Schweinehirten angefangen hatten, übernahmen bald die Nachbarorte. So das in jedem Blankenberger auch ein Sauhans, sprich Saihans erkannt wurde.

Wenn im Winter dann das Wetter kalt und die Tage kurz wurden, war es für die Bauern üblich sich zu Heimarbeit in den Stuben einzufinden. Die Stuben trugen ganz verschiedenen Namen Spinn-, Hutzen-, Licht-, Rocken- oder gleich Dorfstuben nannte man sie. In ihnen wurde nicht nur gearbeitet, sondern auch getratscht, gesungen und getanzt. Speziell die Blankenberger galten als eifrige Besucher ihrer Stuben und müssen eine beträchtliche Anzahl an Socken gestrickt haben. Denn unter den Nachbarn wurde Blankenberg als Sockendorf bekannt.

Raunzer zählt zu den jüngeren Necknamen Blankenbergs und kam angeblich um 1930 auf. Gesucht werden muss die Herkunft angeblich in der Mundart Blankenbergs. In dieser war es üblich das R über die Zunge zu rollen, anstatt wie in Blankenstein oder Harra den Laut im Rachen zu bilden.

 

Harra: Leich’nsteenmauser, Klaaleipzsch

Der Spitzname Leich’nsteenmauser geht auf einen Lausbubenstreich zurück. Eines Nachmittags spielten zwei Jungen auf dem Friedhof in Harra und mit der Zeit kam die Frage auf, welcher von beiden wohl der Stärkere sei. Woran man das Erproben konnte, war schnell gefunden, denn Grabsteine standen praktischerweise überall herum. So versuchten die beiden sich beim Anheben eines solchen Steins zu übertreffen. Leider waren sie wohl schon zu stark, denn bei einem der Versuche stemmten sie den Stein über die Friedhofsmauer, woraufhin er im Gebüsch auf der anderen Seite verschwand. Nach einigen Tagen stellten die Hinterbliebenen das Fehlen des Grabsteins fest und glaubten man hätte ihn gestohlen. Schnell sprach sich die vermeintliche Schandtat in Harra herum und bald wussten auch die Nachbarn, dass man in Harra Grabsteine mauste.

Bei Goethe ist Leipzig ein Kleinparis, während Harra den Nachbarn ein Klaaleipzsch ist. Geprägt wurde der Neckname wohl um 1930, als Reaktion darauf, dass speziell die jüngeren Einwohner Harras sich von der Mundart der Region entfremdeten. So gaben sie das über die Zunge rollende R auf, welches die Blankenberger als Raunzer auszeichnete. Nicht nur das, der Sprachgebrauch in Harra galt regelrecht als Hochdeutsch. Ein Umstand der gemeinsam mit dem sich an städtischen Baustilen orientierenden Häusern bei den Nachbarn den Eindruck erweckte, die Leute aus Harra seien etwas Besseres.

 

Kießling: Pechkratzer

Der Name Pechkratzer für die Kießlinger kommt nicht etwa vom sprichwörtlichen Glück der der Einwohner, sondern aus einer alten Einkommensquelle. Zum Ort zählte weite waldreiche Fluren über die man allerdings nicht selbst bestimmen konnte. Die Landesherren entschieden über den Holzschlag um Kießling und damals wie heute, wuchsen Bäume nicht von heute auf morgen. Also verlagerten sich die Kießlinger darauf Harz aus den Bäumen zu gewinnen und zu verkaufen.  Dieses Baumharz auch als „Pech“ bekannt, wurde in den Brauereien der Region und den mainfränkischen Weinanbauregionen an Böttcher und Küfner abgesetzt.

Die Pechkratzer waren diejenigen, welche die Bäume anritzten und das ausfließende Harz für die Weiterverarbeitung in Pechsiedereien sammelten.

 

Neundorf: Beenhusen

Beenhusen ist regionale Mundart für Beinhosen und ein gebräuchlicher Spitzname für die Bewohner Neundorfs. Bei diesem Beinkleid war mehr von den Beinen des Trägers zu sehen, als von der Hose. Denn der Stoff endete bereits zwei Handbreit über den Knien. Damit wurde dem Verschleiß des Stoffs durch Arbeit oder andere Aktivitäten vorgebeugt. Aus diesem Grund waren Beenhusen besonders beliebt als Kleidungsstücke für Kinder im Sommer.

Angeblich hatte Neundorf früher die Form einer Beinhose, wenn man den Ort vom Kuppel genannten Hügel aus betrachtete. Durch bauliche Veränderungen ist diese Form allerdings heute nicht mehr nachzuvollziehen.

 

Schlegel: Kulmindianer

Der Berg Kulm spielte im Leben der Einwohner von Schlegel schon immer eine Rolle. Bis heute ist er ein beliebtes Ausflugsziel für die einheimischen Spaziergänger. Dabei holten noch bis 1874 die Schlegeler alle drei Jahre eine Fichte vom Berg, um sie für ihr Marienfest zu schmücken und aufzustellen. Dieser Brauch ist nicht zu verwechseln mit dem noch weithin bekannten Aufstellen von Maibäumen. Neben dem Baum versorgten sich die Schlegeler mit Heilkräutern, Pilzen, Beeren und natürlich Holz vom Kulmberg. Diese Nähe und Verbundenheit brachte ihnen den Spitznamen Kulmindianer ein.

Viele Schlegeler arbeiteten als Hilfsarbeiter oder Handwerker auf den Höfen der Nachbarorte mit. Da es eine Eigenart dieser Schlegeler war immer ein Schnapsgläschen oder Becherchen mit sich zu führen, brachte es den Bewohnern des Ortes ihren zweiten Spitznamen ein.

 

Seibis: Schott’nsäufer

Der tatsächliche Ursprung dieses Necknamens ist heute verlorengegangen. Es gibt allerdings zwei Theorien. Eine dieser Theorien erkennt hinter dem Begriff „Schott’n“ ein Synonym für Molke, wie es angeblich einst im reußischen Oberland gebräuchlich war. So wäre der Schottn’säufer jemand der den sauren Teil der Milch trinkt, wie z.B. Molke, welche bei der Herstellung von Quark anfällt. Vielleicht war Seibis dafür bekannt, dass man die Milch weiterverkaufte, während man sich selbst mit der Molke begnügte.

Die zweite, weniger angenehme Theorie vermutet hinter dem Schott’n eine Lautverschiebung zur Sutte. Sutte als Begriff für Unrat bzw. Jauche, weckt Assoziationen zum gefürchteten „Schwedentrunk“. Dies war im 30jährigen Krieg eine Praxis der schwedischen Soldaten Menschen zu foltern. Dafür flößten sie ihren Opfern verunreinigtes Wasser oder Jauche mit Eimern oder Trichtern in den Mund ein. Ob in Seibis jemals jemand Opfer einer solchen Marter wurde, ist nicht bekannt.